Wien und seine Nachbarn - Medienmeldungen-Die Presse

Zwischen „Weana“-Klischee und dem Aufbruch: Die Bundeshauptstadt kämpft gleichzeitig mit ihrer Gegewart und ihrer Zukunft

Die Nachbarn sind auf der Überholspur

Eine Frage der Zeit ist es nach Ansicht von Experten, bis in die Bundeshauptstadt wirtschaftlich den Kürzeren gegenüber Pressburg oder Budapest zieht. Nur Kooperationen können helfen.

Wien droht wirtschaftlich von seinen Nachbarn überholt zu werden – und nur wenige Wiener sind sich dieser Gefahr bewusst. Das war die eindringliche Botschaft, die von der vom Club of Vienna veranstalteten Konferenz „Wien und seine Nachbarn“ am Mittwoch und Donnerstag ausging. Fürst Karl von Schwarzenberg warnte nachdrücklich vor dieser Gefahr: „Wien hat derzeit noch einen Vorsprung, aber der schrumpft mit jedem Tag“, sagte er.

Vor die Wahl „Konkurrenz oder Kooperation“ gestellt, kann die Antwort nach Ansicht aller Teilnehmer nur in der Zusammenarbeit liegen. Laut Wiens Planungsstadtrat Rudolf Schicker könnte das für Wien sogar noch mehr zur Überlebensfrage werden als für seine Nachbarn: „Um es in der Tennis-Sprache zu sagen: Derzeit heißt es Vorteil Wien. Aber es ist nur die Frage der Zeit, bis Pressburg ein Match gegen Wien gewinnt. Da ist es sicher besser, im Doppel zu spielen“, sagte Schicker am Mittwochabend bei der Tagung im Museumsquartier.

Wien und Pressburg wollen daher in Zukunft noch enger zusammenarbeiten. Wiens Bürgermeister Michael Häupl und sein neugewählter Pressburger Amtskollege Andrej Durkovsky planen demnächst, bei einem Arbeitsgespräch gemeinsame Lösungen für Infrastrukturprobleme zu suchen. Am Rande der Konferenz wurde klar, dass Pressburg gerade auf diesem Gebiet zunehmend Druck auf Wien ausübt. „Wie wollen diese Verkehrsprobleme jetzt gemeinsam mit Wien lösen“, sagte Durkovsky. „Das heißt aber nicht, dass Wien das bezahlen muß.“

Ein Beispiel dafür ist die Frage der beiden Flughäfen. Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie die nur 50 Kilometer entfernten Flughäfen Schwechat und Pressburg zusammenarbeiten können. Unter anderem steht im Raum, dass Pressburg einen Großteil des Charter-Flugverkehrs übernehmen könnte. Was fehlt, ist allerdings eine erfolgreiche Privatisierung des Pressburger Flughafens sowie eine brauchbare schnelle Verkehrsverbindung zwischen den beiden Airports.

Zusätzlich kompliziert wird die Frage durch das massive Verkehrsproblem in Pressburg, da der Flughafen mitten im Siedlungsgebiet liegt.

Außer Pressburg arbeitet Wien bereits mit Györ, Ödenburg (Sopron) und Brünn zusammen. Vor kurzem hat sich auch St. Pölten dieser Partnerschaft angeschlossen.

EU tut zu wenig für Städte

Bürgermeister Michael Häupl kritisierte in diesem Zusammenhang, dass die Förderprogramme der Europäischen Union an den Bedürfnissen der Großstädte vorbei zielten. „Europas Städte werden von der EU stark vernachlässigt, obwohl 80 Prozent der Bevölkerung in Ballungsräumen leben“, sagte er. Dem werde bei der Verteilung von Mitteln und bei der Entwicklung von Programmen zu wenig Rechnung getragen. Bei der letzten Neuverteilung der Gelder gelang es nur mit Müh und Not, das Programm „Urban“ zu retten, von dem auch Teile Wiens profitieren.

Die Presse, Doris Krauss am 31.01.03